Die Ballade vom unvergessenen Tag – GEGEN DAS VERGESSEN

Doreen K. aus Rostock - für die Ballade zur Verfügung gestellt

 

Die Ballade vom unvergessenen Tag

Kürzlich traf ich
in der MittagsHitze
auf einen kleinen Alten,
zwei fremde Augen,
wie blaue Blitze,
die in meinen Alltag
prallten.

Unter tiefen Narben
kaum zu erkennen,
ein schmalgeformter Mund,
ein kurzer Blick,
ein leises Brennen,
auf gelittenem Untergrund.

Er las in der Zeitung,
einer Regionalen
und schüttelte
das weiße Haar,
„Die werden noch bitter
bezahlen,
das ist doch sonnenklar!“

Ich stand in der Nähe,
beschäftigt mich zeigte,
schielte neugierig
zu dem Alten,
müde er den Kopf
nur neigte,
es trafen sich
zehn Mal zehn Falten.

„Junge Frau, was meinen
Sie dazu,
vielleicht können Sie
es mir sagen,
brauchen Sie eine
zirkusbunte Kuh,
für ein bisschen
Milch im Magen?

Wie schätzen sie
das Leben ein,
muss Großes immer
größer werden,
brauchen sie stets
den teuren Wein,
wie diese gepflegten
Derben?

Sie quatschen und
lamentieren,
sind alle
aus gutem Stall,
doch verblöden sie
in ihrem Gieren,
schlappe Hirne
essen gern prall

Die sollten erstmal
barfuß laufen,
Gott segne ihr
Gemüt
und solange
klares Wasser saufen,
bis das erkaltete
Herz wieder
glüht

Ach, junge Frau,
verzeihen sie mir,“
sprach er weiter,
vor Aufregung matt,
„das Schweigen ist
heut eine Zier,
vorallem im Trocknen
und satt.“

Er lachte bitter
und leise,
„Ich bin nicht mehr
lange hier,
ich geh bald auf
erlösende Reise,
der Tod hat mich schon
im Visier.

Da treff ich wieder
die Eltern
als Sohn,
die Geschwister,
zu jung gestorben –
unter der Hitlernation,
die auch Lebende
bis heut verdorben.

Da dreht sich auf
dieser Welt
das Kriegsrad unentwegt,
glauben Sie mir,
die Seele des
Menschen fällt,
bevor die Erde
sich nicht mehr regt.“

Ich grüßte
den Alten und ich lief,
mein Herz stand schon
in Flammen,
ich vertrug ihn
nicht mehr, den Mief,
trage nun
meine Worte zusammen.

Was soll ich euch
denn noch erzählen,
pazifistisch
menschenerschöpft,
ich beginne mich
zu schälen –
hab das elende
Schweigen geköpft.

©Sylvia Kling

 

Zum Projekt „GEGEN DAS VERGESSEN“ – hier das Portfolio dazu:

https://sckling.wordpress.com/portfolio/gegen-das-vergessen/

Das Beitragsbild wurde mir von Doreen K. aus Rostock zur Verfügung gestellt – vielen herzlichen Dank. Bitte das Foto nicht kopieren und weiterverwenden.

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Sylvia Kling/Autorin, Lyrikerin, Meißen

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  1. Ja, dem kann ich auch fast nichts mehr hinzufügen, nur dass es mich immer sehr traurig stimmt, dass die meisten Menschen incl. der Politiker aber auch gar nichts aus der unserer Geschichte gelernt haben: die üble Hetze gegen alle(!) Muslime driftet ganz deutlich in die gleiche Richtung wie die Judenverfolgung im Hitler-Regime, wir sollten uns jetzt auch deutlich dagegen wehren!

    1. Ja, Clara – so ist es leider und nach den heutigen Erkenntnissen und dem Aufwind der AfD wird mir persönlich immer übler …. Wenn Du auf Facebook einen Account hast, kannst Du mich gern kontaktieren und unserer Gruppe „Gegen das Vergessen“ beitreten – ich würde mich freuen.

      Herzliche Grüße
      Sylvia

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